Eines Tages in der Galerie…
Vor einiger Zeit besuchte ein Anthropologe unser Atelier, worüber ich mich sehr freute, weil ich nun wohl endlich mal einem Besucher die Skulptur „Coaslinemusic“ vorstellen konnte. Recht ambitioniert erinnerte ich ihn an eine wissenschaftliche Hypothese seines Faches, auf die nämlich sich diese Skulptur beziehe. Diese Hypothese lässt sich wie folgt kurz darstellen:
Zwischen ungefähr 150 und 100 Tausend Jahren hat der frühe Homo sapiens sapiens, also wir, die Höhlen in Südafrika, wie zum Beispiel Pinnacle Point als natürliche Wohnräume genutzt. Immer mehr hat er dann seine Behausunge
n an die Küste verlagert. Dort gewöhnte er sich an das neue Habitat und verschob seine Dörfer Generation um Generation mehr und mehr um wenige Kilometer nach Norden. Auf diese Weise wanderten jene Menschen in einem Zeitraum von 30 – 40 Tausend Jahren die ganze Küste Ostafrikas hoch, dann die asiatische Küste gen Osten und schließlich hinunter in Süden bis nach Australien. Hier endet der Strang dieser Theorie und lässt eine Frage damit unbeantwortet, nämlich:
Warum?
Nun, die Inschrift auf der Basis der Skulptur, welche diese Hypothese zunächst in Kürze wiedergibt, lautet:
Thausand of years ago humans were leaving caves in Africa walking to Australia listening for Coastlinemusic.
Und damit sagt dieses Kunstwerk, das habe der frühe Homo sapiens sapiens gemacht, weil er auf die Musik der Küste gehört habe, diese hätte ih
n schließlich an dem Strand entlang wandern lassen.
Mein Besucher der Anthropologe erboste sich und schrie mich fast an: „Sie übersehen wohl, dass wir für unsere Theorien hart arbeiten müssen und Anthropologie ist nun mal mehr als ein paar Überreste aus einem Höhlenboden zu graben und dann käme ich als Künstler daher, ersänne an den Haaren herbeigezogene Fragen und gäbe darauf noch abstrusere Antworten und Coastlinemusic, was soll denn das überhaupt bloß sein, das ist ja noch nicht einmal ein richtiges Wort, zumindest nicht in Englisch.“
Es war schon fast ein wenig provokant, dass ich ihn gleich darauf fragte, ob er denn schon mal an irgendeiner Meeresküste war, … naja, ich meine provokant, weil in der heutigen Zeit und dann noch als Anthropologe.
„Ja, natürlich“, gab er etwas verärgert zurück. „Okay, da muss es doch mal einen von diesen Tagen gegeben haben“, führte ich meine Darstellung fort, „…mit all diesem glitzernden Sonnen
licht auf den Wellen, diesen weißen Schaumkronen und dem feinen Dunst in der Luft, fernab von jeglicher Zivilisation.“
„Ja, schon“, hörte ich nun als Antwort. Ich fuhr fort: „Wenn Sie nun mal einen Augenblick dieses Atelier hier vergessen und sich gedanklich an diesen Ort ansichtig eines riesigen Meeres zurückbegeben, voller Geräusche und Gerüche durchflutet von Licht und eingebettet in einer alles umfassenden Atmosphäre. Vielleicht haben Sie in diesem Moment zu etwas gedacht wie, oh, Gosh, das ist doch nicht mehr auf diesem Planeten.“
„Ja könnte schon sein, aber was soll das?“ Ich wartete einen Moment und sagte dann: „Sie müssen noch etwas weiter gehen in Ihren Erinnerungen, bis hin zu dieser kleinen Stelle, zu einem letzten kleinen Winkel verborgener Gefühle, von denen Sie eines sagen lässt: Oh, das ist so schön hier, dass ich überhaupt gar nicht hier sein will und würde gerne woanders sein, irgendwo da draußen am Horizont oder dort an der Küste entlang. Ich will hier einfach nicht nur stehen und warten, ich möchte wo hin, etwas erreichen, wissen, dass ich eine Strecke gegang
en bin, etwas Neues im Wechsel der Medien entdeckt habe, mit dem alles ein Sinn hat. Hier noch Sand unter den Füßen und dort vor mir ein Meer voller Möglichkeiten.“
Ich schloss meinen kleinen Vortrag mit den Worten:
Dieses kleine Gefühl, welches uns so sehr vorantreibt, uns keine Ruhe lässt bis wir meinen etwas vollendet zu haben, das ist das, was ich in dieser Skulptur die Musik der Küste nenne. Wir hören sie immer dann, wenn wir an Grenzen des Bisherigen kommen, immer dann, wenn sich uns neue Möglichkeiten eröffnen, wenn Altes seinen Zweck nicht mehr erfüllt. Es treibt uns, es ist diese geheimnisvolle Musik, welche uns in die Ferne zieht.“


(Terrakottaskizze und freie Ausführung – en taille directe – in Stein)
Und die Skulptur? Sie, die Frau mit dem offenen Blick, steht gerade da, am Meer, halb zum Horizont, halb die Küste entlang schauend. Sie fragt sich, eingenommen von der überschäumenden Macht des Meeres: „Soll ich oder soll ich nicht? Weitergehen?“
…wird demnächst fortgeführt…